Was uns Mumien erzählen

Was uns Mumien erzählen

Like This Video 0 Susanne
Added by 13. September 2018


 

Medizintechnik und biomolekulare Analysetechniken geben neue Einsichten

Wir berichten über das spannende Thema der forensischen Archäologie anhand von Beispielen, darunter die Untersuchungen von Ötzi, den über 5300 Jahre alten Mann aus dem Eis der Alpen. Im molekularbiologischen Labor gewinnen Forscher bis heute neue Erkenntnisse, unter anderem über Ötzis letzte Mahlzeit und seine doch erstaunlich lange Krankenakte.

 
 
Sprechertext der Sendung:
 
Hört man das Wort „Mumie“, dann denkt man zuerst einmal an Ägypten, an seinen antiken Stätten – und natürlich an die prächtigen Königsgräber, in denen die Sarkophage der großen Pharaonen entdeckt worden sind. Doch Mumienforschung ist heute keine verstaubte Wissenschaft von anno dazumal. Möglich machen das modernste Technologien. Mit ihnen können nicht nur lebende Organismen, sondern auch die einbalsamierten Toten genau untersucht werden: von der Computertomographie bis zur Genetik reicht das Spektrum.

Die Wissenschaftler von Eurac Research in Bozen sind im sogenannten Labor für antike DNA auf die genetische wie biomolekulare Untersuchung von Mumien spezialisiert. Im Zentrum der Forschungen hier: Ötzi, die Mann aus den Bergen, 1991 ein Sensationsfund. Was eine Mumie überhaupt ist, wie man sie heute behandeln und dann erforschen kann, sagt uns der Experte in Südtirol:

O-Ton Prof. Dr. Albert Zink, Leiter Institut für Mumienforschung, Eurac Research, Bozen
 
Moderne Mumienforschung
Fallbeispiel Similaun-Gletscher
Krankenakte des gefriergetrockneten Ötzi

Albert Zink hat sich früher mit ägyptischen Mumien befasst, inzwischen aber den Eismann Ötzi zu seinem Schwerpunkt-Subjekt gemacht. Der lebte vor 5300 Jahren im österreichisch-italienischen Grenzgebiet der Ötztaler Alpen. In Bozen hat Iceman, wie er international genannt wird, seine letzte Heimat gefunden, im eigens für ihn errichteten Archäologischen Museum.

O-Ton Prof. Dr. Albert Zink, Leiter Institut für Mumienforschung, Eurac Research, Bozen

Die Mumienforscher sagen uns heute mit Bestimmtheit, dass die älteste bisher gefundene Eismumie der Welt eines gewaltsamen Todes starb, hier auf dem Similaun-Gletscher getötet durch einen Pfeil in die Schulter. Warum, das werden wir wohl nie erfahren – aber dafür hält Ötzi dank neuester Analysemethoden ganz andere Neuigkeiten für uns bereit. Sie betreffen seinen Gesundheitszustand – oder sollte man besser sagen: seine Krankenakte? Der Eismann hatte nicht nur Karies und Parodontose, sondern wahrscheinlich auch einen erhöhten Cholesterinspiegel. Er hatte zweifelsfrei Gallensteine, auch Arteriosklerose wird bei ihm vermutet – und: Er zeigte eine „Raucherlunge“, also: Russpartikel in den Atemwegen, vom Sitzen am offenen Feuer.

Mit seiner ausgeprägten Gefäßverkalkung kann er auch als hochgradig Herzinfarkt-gefährdet betrachtet werden – kurzum: Seine Krankenakte ist lang und ein wunderbares Forschungsrevier für Paläopathologen wie Albert Zink.

O-Ton Prof. Dr. Albert Zink, Leiter Institut für Mumienforschung, Eurac Research, Bozen

Zusammen mit Frank Maixner hat Zink nicht nur das ganze Genom von Ötzi entschlüsselt, sondern auch den gesamten Mageninhalt gensequenziert. Dabei gelang es nicht nur, die letzte Mahlzeit des Frühmenschen genau zu bestimmen, sondern sogar noch mehr.

O-Ton Prof. Dr. Albert Zink, Leiter Institut für Mumienforschung, Eurac Research, Bozen
 
Moderne Mumienforschung
Fallbeispiel aus Peru
Die alte Mutter und die Milchzähne

Während die Paläopathologie im Mikrolabor auf Spurensuche zur Entwicklungsgeschichte von Krankheiten ist, hilft die nicht-invasive Computer-Tomographie auch zur Beantwortung anderer Fragestellungen. Sie gibt uns beispielsweise ethnologische Aufschlüsse über Kultur und Sozialstrukturen. Manchmal lassen sich damit sogar erstaunliche Beziehungen bis in die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ziehen. Diese Mumie stammt aus Peru, ist über fünfhundert Jahre alt und gehört in den Bestand der ethnologischen Sammlungen des Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museums. Sie hat eine ungewöhnliche Geschichte.

Prof. Dr. Wilfried Rosendahl, Leiter German Mummy Project, Reiss-Engelhorn-Museum

Am Beispiel dieses Sammlungsstücks sei kurz erzählt, was heute in der ethnologischen Mumienforschung dank High-Tech möglich ist. Im Zentrum der Geschichte steht einer der modernsten Computer-Tomographen und – man höre und staune! – ein 3D-Drucker! Ein CT erfasst vor allem Tiefen- und Dichteinformationen der inneren Struktur eines Körpers. Aber die reale Geometrie ist damit nur schwer zu erfassen. Doch füttert man einen 3D-Drucker mit solchen Daten direkt aus dem CT, kann der das Objekt ins reale Licht bringen. Manchmal ist das für den Forscher mehr als hilfreich.

Prof. Dr. Wilfried Rosendahl, Leiter German Mummy Project, Reiss-Engelhorn-Museum

 
Moderne Mumienforschung
Fallbeispiel 3
Mord und Totschlag im alten Ägypten

Die hochgradige Technisierung der Mumienforschung fordert es, dass Wissenschaftler oft in Teams zusammen arbeiten, um den Toten der Vergangenheit bisher Unbekanntes zu entlocken.

Prof. Dr. Wilfried Rosendahl, Leiter German Mummy Project, Reiss-Engelhorn-Museum

In diesem Buch geht es speziell um die forsensische Ethnologie. Sie befasst sich mit der Erschließung des Zeitcholorits bis hin zur Verbrechensanalyse, wie dies auch in diesem Beispiel über Mord und Totschlag aus dem Reich der Mumien dokumentiert ist.

Prof. Dr. Wilfried Rosendahl, Leiter German Mummy Project, Reiss-Engelhom-Museum

Was uns die Mumienforschung künftig noch alles erzählen wird, darüber möchten Forscher wie Rosendahl heute lieber gar keine Prognosen wagen.

Prof. Dr. Wilfried Rosendahl, Leiter German Mummy Project, Reiss-Engelhorn-Museum

Schade eigentlich, dass die Mumifizierung heutzutage ganz aus der Mode gekommen ist. So müssen künftige Generationen der Menschheit auf der Suche nach Erkenntnis über ihre Urahnen wahrscheinlich digitale Altdaten im ausgegrabenen Elektronikschrott auswerten oder prähistorische Algorithmen in schwer analysierbaren Codes entziffern. Oder vielleicht doch nicht? Der Experte sieht da jedenfalls Perspektiven für die Zukunft.

Prof. Dr. Wilfried Rosendahl, Leiter German Mummy Project, Reiss-Engelhorn-Museum

 
 
Erstsendung: September 2018
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